Zurück zur Übersicht

Medienbericht vom 14. September 2015

Aargauer Zeitung

Sie wollen solo in den Klassik-Olymp

Die besten Studenten der Schweizer Musikhochschulen konkurrierten am Solisten-Vorspiel der Jmanuel und-Evamaria-Schenk-Stiftung in Zofingen

Susanne Weiss

 

Mitten im Stadtsaal stehen zwei Klaviere. Schwarz gekleidet und mit ernstem, hoch konzentriertem Ausdruck betritt Denys Zhdanov den Raum und geht darauf zu. Unauffällig folgt ihm ein zweiter Pianist. Zhdanov setzt sich, tauscht einen kurzen Blick mit seiner Begleitung am anderen Klavier. Das Flüstern im Publikum verstummt und der Solist beginnt Mozarts Klavierkonzert Nr. 24. C-Moll — dunkle melancholische Tragik… Nach zwanzig Minuten verklingt der letzte Ton und Zhdanov überlässt nach einer knappen Verbeugung den Saal der nächsten Kandidatin. Die Mimik des Pianisten verrät nicht, ob er zufrieden ist.

Begonnen hat der Tag mit einer schlechten Nachricht: «Es treten weniger Kandidaten auf als erwartet», sagt Jurymitglied Marc Kissóczy. Gar die Hälfte der zehn Eingeladenen habe abgesagt! Darüber macht sich die Jury Gedanken. Sie besteht neben Kissóczy (Professor an der ZHdK und Dirigent) auch aus Dieter Ammann (Professor an der Musikhochschule Luzern und Komponist) und Eva Zurbrügg (Fach- und Staatsexpertin an den Schweizerischen Hochschulen für Musik).

Der Ehrgeiz ist ungebrochen

Kissóczy fragt sich, ob der Grund für die Absagen darin liege, dass es mittlerweile zu viele Wettbewerbe gäbe. Zurbrügg hingegen stellt einen Mentalitätswandel fest: «Heute herrscht ein unverbindlicheres Verhältnis zu Verpflichtungen als früher.» Kissóczy ist zwar einverstanden, will aber klarstellen, dass der Ehrgeiz der Studierenden ungebrochen, ja vielleicht sogar grösser ist als früher. Er sagt: «Das ist auch unbedingt notwendig, weil die Musikstudenten in ein hartes Business einsteigen. Eine Karriere als Solist oder Solistin werden längst nicht alle machen können, die Musik studieren.» Und doch wird am heutigen Wettbewerb gezielt nach Solisten gesucht. Ein Widerspruch? Ammann hält dagegen: Die Aufgabe der Stiftung sei es, Talente zu fördern — «was nicht heisst, dass aus jedem begabten jungen Menschen ein hoch dotierter Künstler wird. Genauso, wie nicht jeder Naturwissenschafter ein berühmter Forscher wird.»

Für die verbleibenden Kandidaten ist die reduzierte Teilnehmerzahl kein Nachteil. Durch die Absagen schrumpfte die Konkurrenz im Rennen um einen begehrten Auftritt mit grossem Orchester am Jubiläumskonzert im November. Kandidatin Marina Viotti sagt: «An den Hochschulen erhält man kaum die Möglichkeit, mit einem Orchester aufzutreten. Deshalb nehme ich hier teil.» Alle Kandidaten studieren im Master für Solisten an Schweizer Musikhochschulen, und für die wäre es schlicht zu teuer, allen Studierenden Orchesterpraxis anzubieten.

Vorsicht oder Risiko?

Mezzosopranistin Viotti zeigt den Ehrgeiz, der die Jury in den Kandidaten vermutete: Trotz Allergien, die ihr den Auftritt erschwerten, singt sie die «Wesendonck Lieder» von Richard Wagner — nach der Mozart-Melancholie der sehnsuchtsvolle Wagner … Dass Viotti erst zum zweiten Mal an einem Wettbewerb teilnimmt, merkte man ihr nicht an. Sie hat mit Wettbewerben bis zum letzten Studienjahr gewartet, weil sie sich vorher nicht bereit fühlte: «Es ist sehr heikel, wenn man sich dem Urteil der Jury und des Publikums zu früh aussetzt. Erhält man nämlich schlechte Rückmeldungen, beeinträchtigt das das Selbstvertrauen.»

Kein Risiko scheut hingegen der Cellist Joachim Müller-Crepon. Er weiss erst seit einem Monat von seinem Zofinger Vorspiel! Und noch schwieriger: «Mein heutiges Stück war bis dahin gar nicht in meinem Repertoire. Ich habe es sehr kurzfristig eingeübt — an ein Auswendiglernen war nicht zu denken.» Als er den Saal betritt, sucht er sich darum als Erstes einen Notenständer und legt einen Blätterwald darauf aus. «Oh je», höre ich jemanden flüstern, «der hat sicher keine Chance gegen die, die auswendig spielen.» Der Eindruck täuscht! Müller-Crepon fetzt dem Publikum das abwechselnd rasante, aggressive und feinfühlige Konzert für Violoncello und Orchester (H. 72) von Arthur Honegger um die Ohren. Man fürchtet fast um die Saiten seines Instruments, so heftig sind einige Stellen.

Doch das letzte Wort über die Qualität liegt bei der Jury. Ihr geht es bei der Bestimmung der Sieger aber nicht um die reine Leistung. Kissóczy erklärt das: «Unser Ziel ist die Förderung junger Solisten. Darum wollen wir nicht jemanden auswählen, dessen Potenzial schon ausgeschöpft ist.» Hat die Jury das Gefühl, jemand könne seine Leistung nicht mehr steigern, wird sie selbst einen gelungenen Auftritt nicht belohnen. Die Beurteilung des Talents muss die Jury nicht allein vom Auftritt abhängig machen, denn die verschiedenen Schweizer Musikhochschulen sandten schon im Vorfeld Kandidatendossiers ein, die neben Ton- und Videoaufnahmen eine Biografie enthalten — auch auf diese kann sich die Jury stützen. Wichtig ist daneben auch die Ausstrahlung der Kandidaten, hält Kissóczy fest. Tatsächlich ist die Jury mit den aufgetretenen Solisten sehr zufrieden; sogar vier statt der angekündigten drei hat sie ausgewählt für das Jubiläumskonzert.