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Medienbericht vom 02. Dezember 2002

Zofinger Tagblatt

Das Geschenk der Schenk-Stiftung

Jahreskonzert der Jmanuel und Evamaria Schenk Stiftung mit dem Aargauer Symphonie-Orchester und den Gewinnern des Workshops

Kurt Buchmüller

Dieses Schlusskonzert bildet den eigentlichen Widerhall des anfangs Oktober stattgefundenen Workshops. Musikstudenten der obersten Ausbildungsstufe hatten Gelegenheit, mit dem Aargauer Symphonie-Orchester je einen halben Tag lang ein Konzertstück einzustudieren. Am Freitagabend fand nun im Stadtsaal das «Finalspiel» statt. Es könnte der Anfang einer Solistenlaufbahn durch Konzertsäle gewesen sein. Die drei Gewinner des Workshops erhielten Gelegenheit, ihr Talent vor einem grossen Publikum zu beweisen. Der Stadtsaal, mit Zusatzstühlen ergänzt, war bis auf den letzten Platz besetzt. Ein deutlicheres Signal für den Sinn dieser Stiftung gibt es wohl kaum. Die Einzelförderung begabter junger Musiker erhielt Breitenwirkung, getragen von den Zofinger Musikfreunden; für alle Beteiligten – Orchester, Solisten, Stiftungsrat, Organisatoren und vor allem Evamaria Schenk – muss dies ein erhebendes Erlebnis und eine Bestätigung gewesen sein. Es war ein glanzvoller und spannender Konzertabend, standen doch die zwei berühmtesten Violinkonzerte der Musikliteratur auf dem Programm.

Massstab der Reife für Nachwuchstalente

Raimond Oswald, Präsident des Stiftungsrates, würdigte in seiner Begrüssung die Aufbauarbeit seines Vorgängers Räto Tschupp, der fünf Jahre an der Spitze des Stiftungsrates und gleichzeitig am Dirigentenpult des Aargauer Symphonie-Orchesters stand. Das Publikum gedachte seiner stehend mit einer Schweigeminute. Durch das Programm führte sodann Andreas Müller-Crepon, Redaktor und Moderator beim Schweizer Radio DRS. Er stellte in knappen, aufschlussreichen Worten das nachfolgende Werk und dessen In- terpretin vor.

Brahms habe sein Violinkonzert in Dur opus 77 im Alter von 45-Jahren geschrieben. Es sei schon als Konzert nicht für, sondern gegen die Violine bezeichnet worden. Obwohl Brahms für die Gestaltung der Doppelgriffe – oder vielleicht gerade deshalb – Joseph Joachim konsultierte, den berühmtesten Violinvirtuosen jener Zeit, habe es zunächst als ungeheuer schwierig gegolten. Die Solisten müssten deshalb während der ganzen Aufführungsdauer den Überblick behalten, erkennen, wo sie Reserven hätten und wo ihre volle Kraft gefordert sei. Die Komposition sei motivisch starkverflochten und weise viele Facetten auf; Yuka Tsuboi habe die Probenarbeit mit Bravour bestanden.

Für die Konzertaufführung gilt das Gleiche. Das Publikum erlebte die Interpretation einer 23-Jährigen, die technisch keine Grenzen zu kennen schien und die nicht nur mit ihrem Instrument Musik machte, sondern ihrem Spiel auch durch die Haltung und das Gesicht Ausdruck verlieh. Ihre Gestaltungskraft schien unerschöpflich zu sein. Sie war fähig, von singenden, melodiösen Passagen in Kaskaden von Doppelgriffen zu wechseln·, und dies bei glasklarer Transparenz und mit einer gleitenden geschmeidigen Bogenführung. Nach Sequenzen, in denen sie besonders gefordert wurde – und es gab viele dieser Art – setzte sie manchmal den Bogen mit weit ausholender Geste ab, wie um zu zeigen: Es ist vollbracht.

Die Rolle des Orchesters bei der Bewertung

Andreas Müller leitete den zweiten Teil des Konzertes mit einer Erläuterung des Auswahlverfahrens der Workshop-Gewinner ein. Die Jury be­ zieht auch die Mitglieder des Aargauer Symphonieorchesters in den Selektionsprozess ein. Ihre Meinung wird nach einem speziell ausgearbeiteten Schlüssel gewichtet und bewertet. Dabei spiele sicher auch .das Wohlbefinden des Orchesters bei der Probena beit mit den Solisten, die so genannte «Chemie», eine Rolle, erklärte das Mitglied Walter Schnyder.

Wie wichtig dieser Faktor ist, zeigte gleich anschliessend Robert Schumanns «lntroduction und Allegro apassionato» in G-Dur opus 92, mit Simon Peguiron am Klavier. Der 22-Jährige erhielt mit sieben Jahren Violin-, mit neun Jahren. Klavier- und mit dreizehn Orgelunterricht. Das Klavierlehrerdiplom erlangte er mit Auszeichnung. Die «lntroduction» zu seinem Konzertstück überzeugte durch den Einklang mit dem Orchester, im «Allegro appassionato» war das Feuer eines empfindungsreichen Pianisten zu spüren.

Ausklang mit berührender Sensibilität

Andreas Müller charakterisierte das abschliessende Violinkonzert in D-Dur opus 61 von Ludwig van Beethoven als symphonisches Konzert, das lange Zeit wegen der engen Verflechtung des Soloinstrumentes mit dem Orchester fast als unspielbar galt. Teilweise sei die Kommunikation so eng wie in der Kammermusik. Der musikalische Gehalt des Werkes beruht nicht im virtuosen Widerspiel des Soloinstrumentes zum Orchester, sondern auf dem Zusammenspiel mit ihm. Das Orchester unter der einfühlenden, dosierenden und nuancierenden Stabführung Marc Kissóczys trag massgeblich zum Einklang der Wiedergabe bei. Das war umso wichtiger, als der Solist Marc Paquin dem Werk, das-er zum dritten Mal spielte, eine ausgesprochene lyrische Note gab. Das verhalf dem Larghetto zu einem besonders innigen Ausdruck. Bewundernswert vollzog er den Wechsel von den höchsten Tonlagen zur leeren G-Saite. Das Spiel war ausgesprochen homogen und geschmeidig. Im «Rondo-Allegro» kam Marc Paquin aus sich heraus; er brillierte durch seine lebendige und frische Wiedergabe. Die Kadenz war ein virtuoses Meisterstück, das ohne sichtbare Anstrengung bewältigt wurde.

Es war eine schöne und sinnstiftende Geste, dass Andreas Müller den Dank an die Mitwirkenden mit Blumen aus der Hand von Evamaria Schenk ausrichten liess. Damit erhielt die Jmanuel und Evamaria Schenk Stiftung den ihr gebührenden Rang im Kulturleben der Kleinstadt.