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Medienbericht vom 14. Dezember 1999

Aargauer Zeitung

Entdeckung und Förderung von jungen Talenten

Jubiläum mit ASO-Begleitung: Jahreskonzert der Jmanuel und Evamaria Schenk Stiftung

Jürg Nyffenegger

Drei junge Solisten, ausgewählt im Workshop des Aargauer Symphonie-Orchesters, den einmal mehr die Jmanuel und Evamaria Schenk-Stiftung ermöglicht hatte, stellten sich im festlich geschmückten Stadtsaal einem erfreulich grossen Publikum vor. Das Aargauer Symphonie-Orchester besorgte unter der Leitung seines Chefdirigenten Räto Tschupp die mehr als zuverlässige Begleitung.

Es kommt selten vor, dass sich ein Dirigent direkt ans Publikum wendet. Räto Tschupp tat dies, und er wies auf das kleine Jubiläum hin, das die Schenk­ Stiftung in diesem Jahr feiert: seit fünf Jahren fördert sie Talente oder Hochbegabte. Das sei, so der Präsident der Jury, etwas anderes als Karriereplanung. Es gehe darum, Talente zu entdecken und zu fördern. In den fünf Jahren hätten sich 38 Kandidaten in den Workshops der Jury gestellt, zwölf von ihnen seien in den Schlusskonzerten berücksichtigt worden. Mit zwei habe das Aargauer Symphonie-Orchester (ASO) zudem in den regulären Programmen zusammengearbeitet. Und ein dritter, der Cellist Christian Poltera, werde in der laufenden Saison mit dem ASO auftreten. Das Orchester habe im Rahmen dieses von der Schenk-Stiftung ermöglichten Projektes bisher vierzig Begleitungen einstudiert. Von Bedeutung war Räto Tschupps Hinweis, dass die Konzeption der Stiftungsaktivitäten immer wieder einer Überprüfung unterzogen werden müsste. Dass gerade diese Forderung ernst zu nehmen ist, zeigte das Schlusskonzert 1999.

Mozart flop, Schumann top

Das Konzert begann mit Mozarts grossartigem Klarinettenkonzert, jenem Spätwerk, das Klarinettisten, selbst renommierten, immer wieder Rätsel auf­ gibt. Es braucht nicht nur technische Versiertheit, sondern auch Mut, sich so­ zusagen zu Beginn der Karriere ausgerechnet mit diesem einmaligen Werk auseinander zu setzen. Der 31-jährige Italiener Andrea Baggi tat es. Zweifels­ohne spielte er mit technischer Raffinesse, dennoch wirkte seine Interpretation hölzern, bar jeden Charmes, bar über­zeugender Ausstrahlung, in der Gestaltung fad und so wenig inspirierend, dass sich auch das Orchester anstecken liess und zu keinem Höhenflug anzusetzen in der Lage war. Das Ergebnis war denn ei­ne brave Studentenaufführung, die – das nebenbei – der Solist durch wiederholtes Ausblasen der Klappen empfindlich störte. Zweifelsohne hat Andrea Baggi Fähigkeiten, wahrscheinlich als Kammer- oder Orchestermusiker. Ob man ihm, dem immerhin über 30-jährigen, mit der Einladung zu solistischem Auftreten tatsächlich einen Dienst erwiesen hat, sei als Frage grundsätzlicher Art erlaubt.

Ganz anders die Problematik rund um den zweiten Solisten, den 20-jähri­gen holländischen Cellisten Yoel Cantori. Er war gerade mal sechs Minuten lang zu hören, und zwar im romantischen Charakterstück «Waldesruh» von Antonin Dvorak. Er hat ohne Zweifel das Zeug zu einer beachtlichen Solistenkarriere und eine sympathische Ausstrahlung. Cantori spielt mit warmem Ton und viel Einfühlungsvermögen in die Musik, kam aber klar zu kurz. Auch er hätte Schumann spielen wollen, man verzichtete indessen auf zwei grosse Konzerte desselben Komponisten. Eine gültige Beurteilung seines Könnens wäre unter diesen Voraussetzungen fahrlässig. Fragezeichen zur Programmkonzeption sind deshalb angebracht.

Hinreissender Schluss

Zum Schluss der Höhepunkt: Die 24-jährige Belgierin Michèle Gurdal, die zurzeit bei Romero Francesch in Zürich weiterstudiert, setzte sich mit Schumanns Klavierkonzert auseinander: brillant, schwärmerisch, wenn erforderlich auch zupackend, differenziert, in jeder Phase werkgerecht, fantasievoll, charmant. Unglaublich, was die zierliche Pianistin aus dem Instrument herausholt. Das Orchester nahm den Faden auf, Räto Tschupp riss die Musikerinnen und Musiker des ASO mit. So entstand eine hinreissende Interpretation, die für den nicht restlos geglückten ersten Konzertteil mehr als entschädigte. Rauschender Applaus – zu Recht für eine Künstlerin, die ihren Weg machen wird – oder: Talentförderung pur!